Randnotiz

von saskiaweneit

Während wir Lyrik beklatschen im Bus auf der Autobahn gen Hildesheim, erscheinen Hochhäuser am Horizont, links, wenn man den Kopf dreht, zum Fenster raus. Sandys, Mandys und Kevins wohnen da, vielleicht, und womöglich auch ein Paul und eine Marie, aber die Wahrscheinlichkeit – wer weiß das schon. Wir sitzen also in diesem Lyrikbus, der auch ein Prosabus ist und fahren zu einem Literaturfestival, zur Prosanova um genau zu sein; und reden über das Schreiben und Stipendien für das Schreiben und Wettbewerbe und Schreibschulen und einige lesen ihre Schreibe vor. Es ist schön, nicht mehr die einzige Literaturnerdin zu sein, die Sachen in ihr Notizheft schreibt, wann immer ihr etwas einfällt; egal, ob es gerade passt und das nicht erklären muss. Dieses Gefühl wird sich halten und nachklingen, wenn die Lesungen schon alle gelesen, die Performances in Szene gesetzt, die Debatten geführt, die Clubmate leer und die Festivaltage nur noch Erinnerungen sind. Sandy, Mandy und Kevin können die Autobahn sehen, aus dem Fenster raus, aber nur, wenn sie hoch genug wohnen. Wenn sie das tun, können sie gar nicht anders, als auf die Autobahn zu schauen, die zwar weit weg ist aber quasi gegenüber, hinter Feldern zwar und trotzdem gut sichtbar, zumindest in der Nacht, stelle ich mir vor. Ich stelle mir vor und erinnere mich, wie sie hinter Gardinen und Jalousien sitzen, jeden Tag durch ein Treppenhaus voller Tags rauf und runter, ein Geruch von Bohnensuppe und Katzenurin zwischen den Stockwerken, runter in den Hof, eine Kippe schnorren und schweigen. Was könnten sie für Geschichten schreiben aus diesem Leben und sind vielleicht schon dabei – wer weiß das schon. Im Lyrikprosabus wird auf alten Handys getippt die noch keine Smartphones sind, weil es die noch nicht gab, als sie gebaut wurden oder weil es schicker ist, aber das ist nur eine Vermutung. Genauso schick wie zerrissene Jeans und kaputte Schuhe und alte Pullis, die Mandy, Kevin und Sandy nie tragen würden, weil das nicht schick genug ist, um sich abzuheben von der Herkunft. Man will ja was repräsentieren und wollen wir das nicht alle? Wir, die von Träumen leben und nicht davon leben können.

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